Gehaltsunterschiede und eheliche Punktesysteme

Gleiche Bezahlung für gleiche Tätigkeiten, unabhängig vom Geschlecht – zur Untermauerung dieser Forderung findet jährlich im März der Equal Pay Day statt. Zum passenden Zeitpunkt wurde kürzlich eine neue Studie zum „Gender Pay Gap“ veröffentlicht: 5,5 Prozent beträgt demnach die durchschnittliche Lohnlücke in Deutschland zwischen Männern und Frauen für identische Tätigkeiten. Grund für diese im Vergleich zu den sonst oft zitierten 21 Prozent Gehaltsunterschied viel niedrigere Zahl: Die 5,5 Prozent berücksichtigen die Tatsache, dass Frauen häufiger in Teilzeit beschäftigt sind und oft in Branchen und Berufen mit schlechter Bezahlung. Auf 21 Prozent kommt beispielsweise das Statistische Bundesamt, weil es die Gehälter von Männern und Frauen nach Geschlecht aufsummiert und jeweils einen durchschnittlichen Stundenlohn ermittelt. Dabei bleibt außer Acht, welche Tätigkeiten jeweils hinter den Zahlen stehen: beispielsweise wie viele Wochenstunden, wie viel Personalverantwortung, welche Unternehmen und Branchen. Man (frau) kann sich nun darüber freuen, dass je nach Rechenart der Gehaltsunterschied nicht ganz so derb ins Gewicht fällt, man (frau) kann auch finden, dass jegliche Art von unterschiedlicher Bezahlung, seien es nun fünfeinhalb oder einundzwanzig Prozent weniger, nur deshalb, weil man eine Frau ist, einfach eine Riesensauerei ist, im Jahre 2016 des Herrn.

Woher wir kommen beziehungsweise wo wir stehen in Sachen Frauenbild und Gleichberechtigung, ist auch immer wieder schön anzusehen anhand etwas in die Jahre gekommener Bücher. Momentan lese ich mich abschnittsweise, höhere Dosen ertrage ich meist nicht, durch den Selbstbewusstseins-Evergreen „Sag nicht Ja, wenn du Nein sagen willst“ vom Autorenduo Baer/Fensterheim aus dem Jahr 1975. Selbst in der vierten Neuauflage aus dem Jahr 2013, die mit dem Sticker „überarbeitete Neuausgabe“ auf dem Cover wirbt, finden sich Passagen, in denen mir vor lauter Frauenfeindlichkeit ganz blümerant wird. Das Buch festigt meinen lange gehegten Verdacht, dass sämtliche Fallbeispiele von Bücher schreibenden Psychologen samt und sonders ausgedacht sind und immer nur die – in diesem Falle frauenverachtende – Haltung des jeweiligen Psychologen widerspiegeln. Im Fallbeispiel geht es um die Ehekrise eines Paares, hervorgerufen durch ihre Unordentlichkeit (die ihn nervt) und seine offen zur Schau gestellte Abneigung gegenüber seiner Schwiegermutter, die jeden Sonntag zum Essen kommt (was sie nervt). Die Lösung des Therapeuten, als Musterbeispiel vorgestellt im Buch: Sie strengt sich an, lässt ihre Schlüpper nicht mehr im Bad herumliegen und bemüht sich um mehr Ordnung, wofür sie von ihrem Ehemann Punkte bekommt. Wie viele, legt er fest. Wenn 60 Punkte erreicht sind, darf die Schwiegermama zum sonntäglichen Essen kommen und er muss sich dieser gegenüber anständig benehmen.

Dasselbe Prinzip stellt uns der Buchautor auch für ein weiteres Paar vor, bei dem der Kerl die an die Frau vergebenen Punkte in Sex umwandeln darf („fünf für intensives Petting, fünfzehn für Geschlechtsverkehr“). Davon abgesehen, dass ich mich eher scheiden lassen als auf ein solch einseitiges und bescheuertes Punktesystem einlassen würde, ist es sehr verwunderlich, dass im einen Modell Sex schon für 15 Punkte zu haben ist, die arme Frau im anderen Modell aber viermal so viele Punkte braucht, um mit der Frau Mutter an der Sonntagstafel zu sitzen. Leicht erkaufter Sex, kann man da sagen, und das nicht bei einer Dame an der Bordsteinkante, sondern von einem Therapeuten fürs eheliche Auskommen empfohlen. Das jubelt der Goldmann Verlag also seinen Lesern auch noch im Jahre 2016 unter (gut, ja, es ist der Goldmann Verlag, aber auch der ist ja irgendwie Teil der deutschen gesellschaftlichen Realität). Den Vogel schießt unser Psychologe Herr Fensterheim übrigens ab mit dem vermeintlich versöhnlichen Ausklang unseres Beispielpaares mit der unordentlichen Mary: „Mary … tat plötzlich auch Dinge, die nicht unter den Vertrag fielen (beispielsweise trug sie beim Frühstück nicht mehr eine zerrissene Kittelschürze, sondern ein hübsches Negligé).“

Was ist eigentlich bei den Lektoren im Goldmann Verlag los? Sowas muss denen doch auffallen? Oder sind das womöglich ebenfalls frauenhassende Psychologen, die auch 40 Jahre nach Erstauflage des Buches Herrn Fensterheim noch still nickend beipflichten und sich insgeheim vornehmen, es bei der widerspenstigen, fast gleichberechtigten Partnerin mit fünfeinhalb Prozent Gehaltsdifferenz zu Hause auch mal mit einem Punktesystem zu versuchen? Kann schon sein, denn auch Beispiele wie das folgende finden sich unverändert im Buch: „Wie viele Frauen von Akademikern und leitenden Angestellten war Louise viel allein und deprimiert, weil ihr Mann in seinem neuen Job von morgens neun bis abends elf Uhr arbeitete. Als sich bei ihr ein Magengeschwür entwickelte, beschloss sie, Mike offen zu sagen, wie unglücklich sie war.“ Die Lösung hier: Mike kommt schon um neun Uhr abends nach Hause, ruft eine Stunde vorher an, „damit zu Hause der Braten nicht austrocknete“, und Louise muss „etwas finden, womit sie sich an den Abenden beschäftigte.“ Das glauben auch wirklich nur Männer, dass Frauen abends zu Hause neben dem Braten sitzend Magengeschwüre entwickeln. Ich glaube, da fällt denen Besseres ein.

Gut, hier lagen auf den Schultern und Armen des Mannes vermutlich fünfeinhalb Prozent mehr Last als auf meinen. Eine unterschiedliche Entlohnung hätte ich trotzdem nicht akzeptiert.