Vollprofi-Rennradfahrer-Outfit mit Vollprofi-Rennrad, so steht er an der – in Bonn stets heruntergelassenen, mindestens drei durchfahrende Züge abwartenden – Bahnschranke neben mir, der attraktive, ein paar Jahre jüngere Mann. Ich auch auf dem Rad, mit der nach dem Sport bewährten schrillen Kombi aus Büroschuhen und diesmal -schal, dazwischen aber Jogginghose, Joggingjäckchen und obendrauf ein roter, verschwitzter Kopf. Der Rennradfahrer sieht noch frisch aus. Irgendwann geht auch die gefühlt ein halbes Menschenleben lang geschlossene Schranke wieder hoch, und der Rennradmann gibt Gas. Ich auch. Auf dem Rad bin ich mittlerweile schnell – wozu rackert man sich seit Jahren beim Spinning ab? Der Rennradfahrer ist, wie die meisten Männer, die es nicht schaffen mich abzuhängen, irritiert. (Besonders groß ist die Verzweiflung bei den Männern in Allwetter-Vollmontur gerne auf dem Mountainbike immer, wenn ich morgens auf dem Weg zum Bahnhof im Kleidchen mit Pumps an ihnen vorbeirausche.) Im Gegensatz zu vielen anderen Männern meint er aber nicht, es mir beweisen zu müssen, sondern radelt friedlich neben mir her. Ich bewahre ihn durch Klingeln und Schreien (an seinem supergetunten Rad ist keine Klingel) vor vagabundierenden Jugendlichen auf dem Skateboard, die deshalb nicht in ihn, dafür aber in ein fahrendes Auto der Gegenspur hineinsemmeln. Man hält an. Erschreckte Hausfrau, panisch hupend, im Auto, erschreckte Jugendliche auf und vor dem Auto, aber nichts passiert. Also weiter. An der Ampel spricht der Rennradmann mich an. „Ziemlich cool, in so nem Outfit so schnell Rad zu fahren. Vor allem mit D E N Schuhen!“ Er meint meine schönen beigefarbenen Pumps mit der tollen grellpinkfarbenen Bordüre. „Und die Schuhe passen auch noch zum Schal!“ – „Hey, cool, endlich merkt das mal einer!“, ist meine erfreute Antwort. Nach all der Freude und Begeisterung geht am Ende dann aber doch der Kerl mit ihm durch: „Dein Sattel ist übrigens zu hoch eingestellt!“ Ja, gut, okay, ach, soll der Mann machen. „Und bitte weiter so cool anziehen!!!“, ruft er noch, als er um die Ecke davonradelt, der Rennradmann.
Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke und Gedanken zu Aktivitäten, Absurditäten und Alltäglichkeiten in diesem Blog.